Die Reaktionen in meinem Umfeld waren eher verhalten. Aber was hatte ich auch erwartet? Meine Arminia war gerade kläglich in die Niederungen des deutschen Profifußballs abgestiegen und noch vor wenigen Wochen hatte ich mein Leid ob der desastösen Grundstimmung rund um den Verein geklagt. Und nun, als sei nichts gewesen, erzählte ich freudestrahlend, dass ich genau diesem Verein für drei Tage in das ca. 540 km entfernte Teistungen folgen wollte. Meiner Argumentation, dass es sich bei Teistungen schließlich um einen vom Freistaat Thüringen anerkannten staatlichen Erholungsort handelt, der erstmalig bereits im Jahr 1090 urkundlich erwähnt wurde, wollte niemand so wirklich folgen. Es ist ja nicht so, dass mir in meinem Freundeskreis kein kulturelles Interesse zugetraut werden würde, aber auch das Grenzlandmuseum am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt-Worbis, das „über die Geschichte der innerdeutschen Grenze und ihre Auswirkungen auf das Leben der Menschen und die Natur im Grenzgebiet informieren will“ (Zitat Homepage), erschien in meiner hilflosen Argumentationskette eher deplatziert.
Trotzdem stand mein Entschluss fest. Die gute Stimmung beim letzten Heimspiel hatte einfach Lust auf mehr gemacht. Das, was da beim Spiel gegen den Karlsruher SC auf der Bielefelder Alm passiert ist, sucht wohl im deutschen Fußball seines gleichen. Die Mannschaft steht auf dem letzten Tabellenplatz und steigt ab, aber 24.123 Zuschauer kommen ins Stadion, um dem Verein in der Zweiten Liga die letzte Ehre zu erweisen, auf dem Grab zu tanzen und bessere Zeiten zu ersingen. Ich glaube, viele von uns haben lange nicht mehr so (positiv) emotionale Momente im Stadion erleben dürfen. Zudem wusste die für mich überraschend gute und ruhige Arbeit von Samir Arabi und Marcus von Ahlen zu überzeugen. Da hatte sich plötzlich etwas verändert: Anstatt wahlloses Name-Dropping zu betreiben, wurden plötzlich einfach Fakten geschaffen. Trotz noch ausstehender Lizenzentscheidung konnten gestandene Drittligaspieler wie beispielsweise Thomas Hübener, Manuel Hornig und Tim Jerat davon überzeugt werden, ihre Stiefel zukünftig in Bielefeld zu schnüren. Auf sportlicher Seite war da wieder ein klares Konzept zu erkennen und das wollte ich mir ansehen.
Beim Besuch der ersten Trainingseinheit musste ich allerdings schnell feststellen, dass ich mich nur mangelhaft auf die neue Arminia vorbereitet hatte. So wusste ich zwar, dass Spieler mit dem Namen Bahattin Köse, Maximilian Ahlschwede und Stefan Langemann verpflichtet wurden, aber die Verbindung von Namen und Gesichtern blieb mir zunächst ein Rätsel. Hätten nicht auch „alte Hasen“ wie Markus Schuler, Onel Hernandez und Marcel Appiah auf dem Platz gestanden, dann hätte hier wohl auch die zweite Mannschaft von Darmstadt 98 trainieren können, ohne dass ich es bemerkt hätte. Immerhin waren Trainer und Betreuer kleidungstechnisch vom Rest der Truppe zu unterscheiden. Andere Zuschauer waren da deutlich cleverer in die Vorbereitung des Trainingslagers gegangen: mit dem mitgebrachten iPad konnte immer wieder Arminias Homepage zum Abgleich von Namen und Gesichtern konsultiert werden. Außerdem standen Fotos und Artikel vom Trainingsauftakt bereit. Mit Hilfe dieser Utensilien und der tatkräftigen Unterstützung von Co-Trainer Stefan Krämer, der immer wieder aushalf, wenn wir selbst mit diesen Mitteln nicht weiter kamen, spielten wir lustiges Namens-Memory. Ein Spiel, in das wir auch Zeugwart Rainer „Schonzi“ Schonz hätten einbeziehen sollen: am zweiten Tag musste er gestehen, dass er sich bisher kaum einen der neuen Spieler hätte merken können und die Trainingskleidung noch immer nur auf Zuruf austeilen könne. Wir legten hingegen schon am Folgetag in der zweiten Trainingseinheit die Latte höher und versuchten uns zusätzlich die taktische Position der jeweiligen Spieler zu merken. Trotzdem ließ sich nicht vermeiden, dass Tom Schütz von demselben Zuschauer gleich zweimal mit „Wer bist denn Du?“ angesprochen wurde.
Interessant wurde es am Abend, als ich die Daheimgebliebenen via Internet auf dem Laufenden halten und die ersten Fotoeindrücke ins Netz stellen wollte. Im Gegensatz zu mir konnte das automatische Gesichtstagging meiner Software problemlos einige Spieler direkt identifizieren. Und so war ich doch etwas überrascht, dass ich im Laufe des Tages offensichtlich meinen halben Freundeskreis abgelichtet, diesen aber nicht erkannt hatte.
Am zweiten Tag standen die ersten taktischen Einheiten auf dem Programm. Besonders gut hat mir die Spieleransprache von Markus von Ahlen gefallen. Er unterbrach das Training immer wieder, um mit der Mannschaft über einzelne Spielsituationen zu diskutieren. Die Spieler wurden dabei aktiv in die Auflösung verschiedener Situationen eingebunden und Markus von Ahlen vermochte durch „prominente“ Vergleiche seine Vorstellungen vom Spielverhalten zu verdeutlichen. Beispielsweise seien hier die Laufwege beim Umschalten von Abwehr auf Angriff zwischen Philipp Lahm und Arjen Robben beim FC Bayern genannt.
Am Abend des dritten und für mich letzten Tages des Trainingslagers bestritt der DSC das erste Testspiel der neuen Saison. Arminia gewann 4:1 gegen SV Germania Breitenberg. Markus von Ahlen wechselte zur Halbzeit komplett durch und der ein oder andere Spieler nahm sich die Zeit, um sich mit den angereisten Fans zu unterhalten.
Auf der Heimfahrt habe ich für mich entschieden, dass sich der Ausflug ins Trainingsalger gelohnt hat. Das sportliche Umfeld rund um die Mannschaft erweckt die Hoffnung, dass sich hier eine Gemeinschaft bilden kann, die in der Lage ist, die Talfahrt zu stoppen. Alle beteiligten zeigten sich sehr kontaktfreudig und Markus von Ahlen ging mit gutem Beispiel voran. Nach der ersten Trainingseinheit begrüßte er die anwesenden Fans mit den Worten „Schön, dass ihr hier seid.“ per Handschlag. Marcus Uhlig konnte davon berichten, wie begeistert die Spieler vom Trainingsauftakt waren. Mit einer solchen Begrüßung durch die Zuschauer habe niemand gerechnet. Bei dem ein oder anderen Neuarminen hat sich wohl schon vor dem ersten Spieltag beim Betreten des Stadions eine Gänsehaut eingestellt. Es wird hoffentlich nicht die letzte bleiben. Ich denke, es spricht Bände, dass die Mannschaft die mitgereisten Fans dazu eingeladen hat, am Event zum Teambuilding teilzunehmen. Leider war ich da schon wieder zu Hause und habe im Ausstellungskatalog des Grenzlandmuseums geblättert, das ich tatsächlich in einer freien Minute besucht habe
geschrieben von Groeleken